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Gedanken zur Jahreslosung 2004
VON WILFRIED KOCH
Christus spricht: "Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen." Markus 13, 31 Verlässliche Aussagen sind heute eher selten zu hören. Denn unsere Zeit ist dadurch geprägt, dass viele Menschen das Gefühl haben, alles und jedes gerät ins Rutschen, nichts mehr hat Bestand, alles ist in Bewegung, nirgends wird mehr Sicherheit geboten.

In diese Situation hinein spricht Jesus auch heute noch zu uns: „Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen“. Das ist eine ungemein ermutigende, Hoffnung machende aber auch tröstliche Aussage Jesu. Von diesem Jesuswort geht eine große Ruhe aus. Es erinnert an die vielen anderen Worte Jesu, die uns etwas bedeuten, die uns Mut gemacht und die uns getröstet haben; aber auch an Worte, die uns beunruhigt haben; an Gleichnisse, die uns auf neue Gedanken brachten.

Es sind und waren die Worte Jesu, die Menschen in Bewegung gesetzt haben, in denen Gott den Menschen begegnete und zwar so, dass sie zunächst selbst getröstet und ermutigt wurden, sich dann aber mit diesen Erfahrungen anderen Menschen zuwenden konnten. Über Jahrhunderte hinweg wurden die Worte Jesu, der Propheten und der Apostel immer wieder auf die speziellen Fragen der Zeit neu gehört, denn die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Menschen und ihre Fragen.

So wurde in jeder Zeit neu um Antworten auf die Frage gerungen, was denn wohl Jesus dazu gesagt hätte. Und die Worte Jesu leuchteten in jeder Situation neu auf wie ein Diamant, der im Licht der Sonne hin und her gedreht wurde. Bestimmte Worte bleiben Jahre, vielleicht Jahrzehnte in der Dunkelheit, tauchen dann ganz neu wieder auf und sprechen in eine veränderte Situation hinein von Gottes Nähe zu den Menschen.

Und Menschen, die solche Worte hören, verändern sich. So gibt es viele Geschichten der Christen mit den Worten Jesu. Immer wieder begegnen uns Menschen, deren Leben von einem Bibelwort durchzogen ist, das sie geprägt hat. Wenn wir in unserem Leben zurückschauen, dann waren es vielleicht die Heilungs- und Wundergeschichten Jesu, in denen wir die unterschiedlichsten Lebenssituationen von Menschen aufleuchten sahen oder es waren zuerst Menschen, die uns zur Kirchengemeinde gezogen haben und erst später gaben uns die Worte der Bibel den festigenden Impuls zum Glauben. Immer wieder stellen wir fest, die Lebenssituationen ändern sich, doch die Worte Jesu haben Bestand.

Eher vergehen Himmel und Erde, eher vergeht die Menschheit, bevor die Worte Jesu an Richtigkeit und Wirksamkeit verlieren. Die Menschheit, die Gesellschaft, die Kirche und auch wir selbst unterliegen der ständigen Veränderung, sich ständig weiter zu entwickeln, sich ständig anzupassen an die Erfahrungen und Bedürfnisse einer Zeit ist ganz natürlich. Und dann gibt und gab es immer wieder ein spannungsvolles miteinander und nebeneinander und gelegentlich auch ein Gegeneinander zwischen den Menschen und Gruppen, die die Worte Jesu hören und aus ihnen Konsequenzen ableiten.

Manche hören die Worte Jesu radikaler und wollen entschiedener nachfolgen, als andere. Dieses spannungsvolle Miteinander gab es sogar schon zu der Zeit des Neuen Testament, in der Auseinandersetzung zwischen Wandercharismatikern und Ortsgemeinden, zwischen radikalen Nachfolgern, die alles aufgaben und solchen Menschen, die versuchten, Jesus in ihrem Alltag in ihrer vertrauten Umgebung konsequent nachzufolgen. Das können wir fortsetzen bis in unsere Tage hinein. Wenn Christen auf die Volkskirche schimpften, so dürfen wir uns nicht täuschen, auch sie haben ihre Berechtigung, denn die angeblich so alte und lahme Kirche braucht der ständigen Kritik und Herausforderung durch die unruhigen und engagierten Geister und Gruppen, die danach fragen, wie die Worte Jesu weiterzugeben sind, damit sie ihre tröstende, ermutigende und wegweisende Kraft entfalten können? Was hemmt diese Weitergabe, was fördert sie?

Was ist dabei unverzichtbar, was entbehrlich? Fragen, die sich Gruppen und Kreise, Kirchengemeinden wie Synoden, aber auch jeder und jede Einzelne zu stellen hat. Und darüber muss gesprochen und manchmal auch gestritten werden. Denn eine Kirche, die niemanden aufregen will, die verdrängt, dass das Evangelium, das Fundament unseres Glaubens, aufregend ist. Denn die Worte Jesu sind es doch, die uns Mut machen, Fragen zu stellen, die uns frei machen, auch das Unmögliche zu durchdenken, die uns beweglich machen, Altes abzustoßen und Neues zu wagen, aber auch beharrlich gegen Widerstände am Nötigen festzuhalten.

Die Worte Jesu in Wort und Tat unter die Menschen zu bringen, damit sie ihre tröstende, ermutigende, Hoffnung machende aber auch beunruhigende Kraft entfalten können, das ist unsere Aufgabe, es soll Zuversicht und Kraft geben und Vertrauen in Gottes Wort widerspiegeln, damit wir einen Halt haben, damit wir Gottes Handeln erkennen, doch der Weg zu einer Antwort auf die Frage nach dem rechten Weg ist steinig und mühsam. Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen. Vielleicht vergeht die Struktur unserer Kirche in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Vielleicht. Wäre es tragisch?

Doch an der Zukunft der Worte Jesu und seiner Geschichte mit den Menschen würde dies nichts ändern. Die Worte Jesu werden auch dann ihren Weg zu den Menschen finden. Und das ist tröstlich, ermutigend und Hoffnung machend. Denn nur Gottes Geist bewirkt, dass Menschen vom Evangelium ergriffen werden, da kann eine Predigt noch so gut sein, ohne den heiligen Geist werden Menschen nicht zu Gott geführt.

Auch der Prophet Jesaja war von der ewigen Gültigkeit der Aussagen Gottes überzeugt, in Jesaja 40, 8 verkündet er: „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit“ und in Kap. 55 Vers. 11 spricht Gott durch ihn: „Mein Wort kommt nicht leer zu mir zurück, sondern es wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende“. Wie gut.